Das Bett by Mosebach Martin

Das Bett by Mosebach Martin

Author:Mosebach, Martin [Mosebach, Martin]
Language: deu
Format: epub
Published: 2013-09-24T16:00:00+00:00


IV.

Meine Tante hegte eine verborgene Liebe zu allem, was mit dem Theater zusammenhing. Verborgen war diese Liebe einesteils, weil sie sich überhaupt keine Präferenzen ihres Geschmacks erlauben zu dürfen glaubte. Irgendeinen Gegenstand vor einem anderen herauszuheben erschien ihr als Anmaßung. Zum anderen versetzte sie das Theater in einen Zustand der Erregung, von der sie nicht wußte, ob sie nicht Anlaß hatte, sich ihrer zu schämen. Dabei war sie eine Intellektuelle. Das einstige Vorurteil der Kirche gegen das Theater war ihr bekannt, und sie teilte mit ihren Kollegen die Erleichterung darüber, daß diese Einstellung einer versunkenen Epoche angehörte. Kopfschüttelnd las sie über die sittlichen Vorsichtsmaßnahmen, die dazu führten, daß Frauen von den Bühnen des Kirchenstaates verbannt waren und junge Männer die weiblichen Rollen übernehmen mußten, was zu nichts anderem als neuer Verderbnis führte. Sie bewunderte den Geist der Kirchenführer, die es verstanden hatten, sich den Fortschritt und die neuen Errungenschaften der menschlichen Vernunft zunutze zu machen und die Kirche vor Versteinerung zu bewahren. Nein, es waren keine geistlichen Bedenken, die meine Tante veranlaßten, ihre Theaterliebe im Zaum zu halten und sich theatralischen Darbietungen nur auszusetzen, wenn es galt, ihre Schülerinnen einmal im Jahr in eine Klassikeraufführung zu begleiten oder gar selbst mit ihnen ein kleines Theaterstück einzustudieren: mit der energischen Unterstützung der Mère Bénédicte war noch im vorigen Jahr eine szenische Bearbeitung des ›Kleinen Prinzen‹ von dem vom ganzen Lehrkörper heiß verehrten Postflieger Saint-Exupéry aufgeführt worden. Meine Tante war heiter und glücklich, als sie erzählte, wie wunderbar komisch Mère Maria Caritas gespielt hatte, die wegen ihrer tiefen Stimme die Rolle des »Trinkers« verkörperte. In solchen Augenblicken wagte sie es, sich selbst ihre Liebe zum Theater zu bekennen, die bei anderen Gelegenheiten ein heimlich schwärendes Dasein führte.

Wenn eine Schauspielerin mit einem satt klingenden Timbre auf der Bühne stand, ihren Oberkörper vorbeugte, so daß ihre Brüste auf ihren nach vorn gestreckten Unterarmen lagen, das dunkelrote Haar in wüsten Wirbeln rechts und links das weiße Gesicht umschäumte und sie aus Leibeskräften schrie – dann geriet meine Tante in eine Verwirrung, die ihr häufig nicht einmal mehr gestattete, am Schluß der Vorstellung die Ausgangstür und die Garderobe zu finden, wo ihre Baskenmütze auch dann noch einsam hing, wenn alle anderen Mäntel und Regenschirme längst abgeholt waren. Mit verstörtem Blick irrte sie durch die Gänge des Theaters im Bürgersaal. Sie nahm nichts wahr, weil der Aufruhr ihres Innern die Richtung ihrer Sinne umgekehrt hatte, so daß ihre Augen nur noch mit der Betrachtung von dunkelroten Locken und ihre Ohren mit dem Vernehmen jenes einzigartigen Schreies befaßt waren, ungeachtet des Umstandes, daß dieser Schrei vor Stunden bereits im dunklen Theatersaal verklungen war und daß die ungebärdige Lockenpracht längst wieder mit Nadeln angeheftet auf einem Perückenkopf ruhte. Meine Tante hatte gelernt, daß das Theater, für das sie wie kaum eine andere empfänglich war, für ihre Seelenruhe einen zu starken sinnlichen Reiz enthielt. Demütig nahm sie in Kauf, von ihren Kolleginnen, die alle Abonnements besaßen, als unmusisch bezeichnet zu werden, und leistete Verzicht auf etwas, zu dessen Genuß gerade sie geboren war.



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